Dieser Beitrag ist eine Erwiderung auf den Blogbeitrag von Maxfragg vom 5. Oktober 2015. Er hat dort beleuchtet, dass wir bisher einen "Major Consensus Narrative" (MCN) hatten, der durch die Medien vermittelt wurde. Dieser MCN behauptet von sich die "Wahrheit" zu sein; die "Tagesschauwahrheit".

Maxfragg stellte sich nun die Frage, was mit diesem MCN passiert, wenn wir eine vielfältigere Berichterstattung haben. Jeder kann sich dann seine ganz persöhnliche Wahrheit aus verschiedenen Quellen zusammenstellen, die seine Realität beschreibt. Der eine ließt SPON und schaut die Tagesschau, der andere ließt PI und glaubt an die "Lügenpresse". Brauchen wir dann noch eine Wahrheit? Darauf will ich einige Gedanken verwenden.

Zunächst will ich seinem Aufruf nachgehen, zu zeigen, dass es eine "echte" Wahrheit geben muss. Danach will ich darauf eingehen, wie Vernunft- und Tatsachenwahrheiten sich unterscheiden und die "wissenschaftliche" Wahrheit sich von der "historischen" Wahrheit unterscheiden. Das Ergebnis der Untersuchung wird sein, dass wir zwischen Wahrheiten und Hypothesenräumen unterscheiden müssen und der MCN ein Hypothesenraum ist, der die Wahrheit beinhalten kann.

Gibt es Wahrheit? Ist das überhaupt die richtige Frage? Wir tun uns schwer damit, die Frage zu beantworten, daher beantworte ich zunächst eine andere (in guter Sonnebornscher Manier): Gibt es das Gegenteil von Wahrheit? Und da müssen wir doch sagen: ja, gibt es. Bei manchen Dingen können wir uns sicher sein, dass sie nicht wahr sind, dass die Welt so nicht beschaffen ist. Ein Beispiel: Der Satz "jeder Mensch kann ohne Kopf Leben mehrere Jahre leben" ist nicht wahr. Es gibt mindestens ein Gegenbeispiel. Der Satz kann nicht wahr sein.

Zwei Hypothesenraeume

Es gibt also einen Bereich von Sätzen/Hypothesen/Aussagen die nicht wahr sind. Wir haben über die letzten 2500 Jahre die wissenschaftliche Methode entwickelt, um Hypothesen zu falsifizieren. Das Ergebnis dieser Methode ist allerdings nicht die Wahrheit an sich, sondern ein Kreis der sich immer Enger zieht. Außerhalb des Kreises sind all die falsifizierten Aussagen, innen die bisher nicht bewiesenen aber noch nicht wiederlegten Hypothesen. Die Menge innerhalb des Kreises ist ein Hypothesenraum.

Das kleine Bildchen soll das Verhältnis von Wahrheit und Hypothesenraum verdeutlichen. Die wissenschaftliche Methode ist nun ein Druck der von Aussen der auf den Hypothesenraum drückt, und versucht den Kreis enger zu ziehen. Innerhalb des Kreises nehmen wir mal einen Punkt an, der beschreibt wie die Welt wirklich ist, wie sich das Universum verhält. Also was denn tatsächlich passiert. Wir nennen diesen Punkt mal "Wahrheit", auch wenn wir ihn nicht an sich ausmachen können; wir können nur sagen wo er nicht ist.

Was sich daraus nicht direkt ergibt ist, ob es nur einen solchen Punkt gibt, oder mehrere (rechte Bildhälfte). Aber geben muss es mindestens einen, da das Universum sich ja irgendwie verhält. Bisher haben wir keine Annahme zu glauben, dass das Universum sich gleichzeitig so und so verhält. Es kann sich in jeder Situation anders verhalten, aber zu einem Zeitpunkt verhält sich das Universum auf jeden Fall irgendwie. Daher ist "eine Wahrheit" eine Hypothese, die sich bisher recht gut macht.

Gut, soweit so kompliziert. Jetzt dieses MCN Konzept. Bei Hannah Arendt habe ich die Unterscheidung zwischen Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten gelernt (Wahrheit und Politik, H. Arendt, 1964, Tonmitschnitt von Arendt).

Vernunftwahrheiten können durch Experiment und Nachdenken jederzeit erkannt werden. In diesen Bereich fallen alle physikalischen Gesetze. Würden wir heute die Relativitätstheorie verlieren, so könnte sie in 10.000 Jahren von eine Lebenwesen auf einem anderen Planeten wieder entdeckt werden. Eine Vernunftwahrheit kann wiederholt untersucht werden, denn sie gehören zur Stuktur des Universums. Man kann sie auch "objektive Wahrheiten" nennen.

Tatsachenwahrheiten beziehen sich auf singuläre Ereignisse. So ist die Aussage, dass Konrad Adenauer Bundeskanzler war, eine Tatsachenwahrheit. Diese Klasse von Wahrheiten, sind viel leichter zu manipulieren. Arendt bringt hier das Beispiel von der Rolle Trotzkis in der Russischen Revolution. Dort hat sich Stalin an der Tatsachenwahrheit vergangen und Trotzki aus den Geschichtsbüchern getilgt. Dieses Manipulation ist besonders schändlich, da sie Wahrheiten für immer tilgt. Ein historisches Ereignis kann nur einmal "gemessen" werden. Kein Mensch kann eine Tatsachenwahrheit wiederbeleben, wenn erst einmal die perfekte Lüge von allen Menschen geglaubt wird und alle Beweise gefälscht wurden. Man könnte Tatsachenwahrheiten also auch "historische Wahrheiten" nennen.

Der Verlust des MCNs ist nun das Vorhandensein mehrerer solcher Räume die sich teilweise überlappen und unter Umständen die Tatsachenwahrheit beinhalten. Das heisst aber nicht, dass es für eine Sache keine Tatsachenwahrheit mehr gibt. Man ist nur leichter Bereit zu sagen: "ach, ist doch eh alles egal, hat doch jeder seine Wahrheit". Aber dem ist nicht so, nicht jeder hat seine Wahrheit, sondern jeder hat einen anderen Hypothesenraum. Der Wahrheit tut das keinen Abbruch, den für eine historische Wahrheit ist sicher: für den Zeitpunkt um den es geht hat sich das Universum irgendwie verhalten.

Wenn Maxfragg also jetzt über den MCN schreibt, dann bezieht sich dieser MCN meist auf historische Wahrheiten und ist ein Hypothesenraum. Dieser MCN kann nun aktiv Aussagen vertreten, die Ausserhalb des aktuellen Hypothesenraumes liegen; lügen wider besseren wissens. Der MCN übt dadurch Druck aus und verschiebt den Hypothesenraum. Mittels der perfekten Lüge verschiebt man den Raum soweit, dass die Tatsachenwahrheit sich nicht mehr innerhalb befindet. Die Tatsachenwahrheit ist für immer verloren, weil wir nicht nochmal messen können.

Wir dürfen nicht zulassen, dass wir die Tatsachenwahrheiten verlieren, denn einmal verloren, sind sie für immer vergangen.