Ich trage diesen Artikel schon mehrere Monate in meinem Kopf herum; wälze einzelne Punkte hin und her und überlege was ich eigentlich schreiben möchte. Es geht mir darum zu beleuchten, wie es mit der Evolution des Menschen eigentlich weiter gehen könnte. Wo sind Punkte an denen Gehirn und Körper des Menschen an eine Welt angepasst sind, die es nicht mehr gibt?

Evolution ist ein Prozess, der nicht stillsteht. Es ist der Prozess mit dem sich das Leben durch Zufallsexperimente an neue Gegebenheiten anpasst. Millionen von zufälligen Mutationen; viele davon Schlecht und manche davon mit evolutionärem Vorteil behaftet. Mit Glück propagieren sich die hilfreichen fort.

Nun ist der Mensch in den meisten Dingen kein Spezialist, sondern ein Generalist. Oder anders gesagt: wir sind nicht besonders gut, aber von allem ein bischen. Die einzige Sache in der wir wirklich brillieren ist das Denken. Es stellt sich da die Frage, ob das überhaupt eine Spezialisierung ist oder eher eine spezialisierte Plattform für eine generalisierte Methode Probleme durch denken zu lösen.

Der Mensch hat sich an seine Umgebung über viele hunderttausend Jahre angepasst. Handlungsweisen und Instinkte haben sich entwickelt, die ein Leben in kleinen Gruppen in der "Wildnis" bei ständiger Nahrungsmittelknappheit erleichtern.

Nun hat sich aber die menschliche Gesellschaft schnell entwickelt und hat in wenigen hundert Jahren massiv an Komplexität gewonnen. Es stellt sich die Frage, was Mechanismen sind, die in der vorherigen Gesellschaft sinnvoll waren und funktioniert haben, aber uns jetzt behindern.

Ich will drei Punkte aufzählen, von denen ich mir vorstellen kann, dass der Mensch sich evolutionär anpasst. Diese Veränderungen könnten stattfinden, wenn weiterhin komplexe Gesellschaftsformationen bestehen und viele Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Die Zeiträume werden allerdings sehr groß sein. Aber eins ist sicher: Wieso sollte uns das unbeeinflusst lassen?

Gier

In der feindlichen Natur macht es Sinn Nahrung dann aufzunehmen, wenn sie vorhanden ist. Wenn wir irgendwo Beeren gefunden haben, und sie gerade reif sind, sollten wir am besten alle zu uns nehmen. Wer mehr Nahrung zu sich nimmt und dabei fett wird, hat eine bessere Chance den nächsten Winter zu überleben. Gier nach Nahrung macht Sinn. Umso mehr ich habe, umso besser sind meine Chancen zu überleben und ich kann meine Gene weiter geben.

Was ist nun anders in der stark arbeitsteiligen Gesellschaft, in der wir Leben? Nahrung ist immer verfügbar. Kalorienreiche Nahrung ist sogar billiger, als kalorienarme Nahrung. Wir sind zudem vor dem Winter um ein vielfaches besser geschützt, als dies früher der Fall war. Es gibt also keinen Grund mehr, mehr Nahrung aufzunehmen, als wir bis zur nächsten Mahlzeit verstoffwechseln. Aber wir befinden uns weiterhin in einem andauernden Exzess; und dafür ist unsere Gier nicht ausgelegt.

Unsere Gier hat, in der Situation eines endlosen Nahrungsstroms, aber erhebliche Nachteile. Unsere Körper werden Übergewichtig und in folge davon krank. Diabetis und Adipositas werden epidemisch und belasten sowohl den einzelnen, als auch die sozialen Strukturen.

Aber unsere Gier beschränkt sich nicht nur auf Nahrung, sondern auch auf andere Konsumgüter. Ich bin mir nicht sicher inwiefern der Drang nach mehr "haben wollen" eine Übertragung der Gier nach Nahrung auf andere Güter ist. Aber man kann es sicherlich als Gier beschreiben. Dadurch betreiben wir eine systematische Ausbeutung der Ressourcen der Erde auf Kosten nachfolgender Generationen. Und wir tun dies entgegen besseren Wissens! Evolutionär völliger Käse. Jedenfalls in komplexen menschengefüllten Systemen.

Angst

Angst macht Sinn. Angst bewahrt uns vor gefährlichen Situationen. Angst bewahrt uns davor es für eine gute Idee zu halten in ein Rudel von Löwen zu gehen und sich dazukuscheln zu wollen. Angst schüttet Adrenalin aus und bereitet den Körper auf Flucht oder Kampf vor. Meistens sitzt man eh unter einem Baum und schnitzt einen Stock zu. Fliehen war die Ausnahme. Macht auch alles Sinn; jedenfalls, wenn es etwas gibt vor dem man flüchten oder gegen das man Kämpfen kann.

Aber wir werden nicht mehr von dem großen Teil der Flora und Fauna tyranisiert, sondern das Blatt hat sich gewendet. Solange wir in Gemeinschaft sind müssen wir keine Angst mehr vor den meisten Dingen der Umgebung haben.

Der Mechanismus allerdings, der ist noch da. Und er springt an. Auf viele Dinge. Angst vor Dingen die unsere Existenz garnicht in Frage stellen. Angst vor der Präsentation. Angst den Job zu verlieren. Angst verlassen zu werden. Angst das Studium nicht zu schaffen. Das sind, ohne Frage, alles unangenehme Dinge die man gerne Vermeiden möchte, aber sie werden einen in den seltensten Fällen direkt, oder auch nur indirekt, umbringen.

Stress wird häufig als andauernder Angstzustand, als ständiges angespannt sein, beschrieben. Und Stress belastet die Gesundheit. Cortisol unterdruckt das Immunsystem. Wer unter Stress stand, zeigt häufig erst dann Symptome, wenn der Stress abgeklungen ist. Und wer einmal mit Menschen, die unter einer Angststörung leiden, zu tun hatte, der weiss auch wie schlimm die Angst das Leben belasten kann.

In einer Welt, die komplex ist und die sich ständig verändert, in der ständig tausend Reize auf uns einfluten, ist es evolutionär eine dumme Idee einen ständigen Angstzustand auszulößen. Vor allem, wenn unsere Existenz von den "Gefahren" garnicht wirklich bedroht ist. Evolutionär könnten wir daher eine erhöhte Angstschwelle entwickeln.

Tod und Lebensdauer

Tod ist der evolutionäre Motor. Wer wengier angepasst ist, der hat eine höhere Mortalitätsrate. Keinen Tod mehr zu haben würde den Stillstand der Entwicklung bedeuten. Jedenfalls wenn wir von Individuuen ausgehen, die ihre Gensequenz nicht maßgeblich während ihrer Lebenszeit ändern.

Im Vergleich zu den meisten Tieren ist unsere Lebensspanne schon relativ lange. Außerdem sterben menschliche Individuen nicht kurz nach ihrer Zeugungsunfähigkeit (Grossmutter-Hypothese). Find ich persöhnlich ja auch eine gute Sache, dass das so ist.

Aber unsere Lebensspanne ist nur relativ lange im Vergleich zum Zyklus der Jahre auf der Erde. In dem Moment in dem wir die Erde verlassen wollen, ist sie unsere größte Beschränkung. Das Universum lässt es nicht zu, dass wir mit mehr als Lichtgeschwindigkeit reisen. Daher ist eigentlich unsere einzige andere Stellschraube, wie wir interstellare Reisen bei realistischen Geschwindigkeiten durchführen können, lange zu leben.

Auf lange Sicht wird es ein evolutionärer Vorteil sein sich an die Zeitskalen des Universums anzupassen. Dies mag dann sogar den Nachteil des langsameren Evolutionsmechanismus ausgleichen. Außerdem zeigt sich dann vielleicht auch ein höhreres Maß an Binnen-Evolution, bei der sich einzelne mutierte Zellen innerhalb eines Organismus als Vorteilhaft erweisen und sich durchsetzen.